Ueberschrift


Arbeitsgemeinschaften











Prophylaxe-Forum Baden-Württemberg
Tag der Zahngesundheit 2004
22. September 2004
Ludwigsburg, Kulturzentrum

Dr. Udo Lenke, Vorstandsvorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit Baden-Württemberg e. V. und Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg

Sehr geehrte Frau Ministerin Gönner,
sehr geehrter Herr Abgeordneter Döpper,
sehr geehrter Herr Abgeordneter Dr. Noll,
sehr geehrter Oberbürgermeister Spec,

Für seine Arbeit muss man Zustimmung suchen, aber niemals Beifall.

Dieser Satz von Charles-Louis, Baron de Montesquieu, dem Begründer der politischen Theorie von der Gewaltenteilung, passt gut zum heutigen Tag und zum heutigen Thema. Wenn wir auf 50 Jahre Jugendzahnpflege in Baden-Württemberg zurückblicken, tun wir das nicht, um Beifall einzuheimsen. Wir blicken zurück, um aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen - und um Bilanz zu ziehen. Um aufzuzeigen, aus welch bescheidenen Anfängen heraus ein Haus der Zahngesundheit errichtet werden konnte, das bis heute auf festen Fundamenten ruht – eine Metapher, die im Land der Häuslebauer und in der Stadt mit der drittgrößten Bausparkasse Deutschlands jedem geläufig sein dürfte.

Diese Solidität nicht nur im Fundament, sondern in der ganzen Bausubstanz, ist nicht zuletzt einer verlässlichen Partnerschaft zu verdanken. Denjenigen, die mit vereinten Kräften beim Aushub, beim Mauern, beim Dachdecken, beim Verputzen und beim Innenausbau geholfen haben - also allen, die unter dem Dach der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit in Baden-Württemberg zusammengefunden haben. Es sind dies insgesamt 30 Organisationen, die sich die Erhaltung und Förderung der Zahngesundheit und damit die Verhütung von Zahn- und Munderkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zum Ziel gesetzt haben. Mitglieder sind unter anderem das Sozialministerium Baden-Württemberg, die Landesverbände der Krankenkassen in Baden-Württemberg, die Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg und die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen in Baden-Württemberg.

Um eine erfolgreiche Gruppenprophylaxe - und um die geht es vornehmlich bei den Anstrengungen der verschiedenen Arbeitsgemeinschaften - um diese Gruppenprophylaxe breitenwirksam und flächendeckend durchführen zu können, bestehen in den Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs 37 regionale Arbeitsgemeinschaften. Sie beschäftigen rund 170 Prophylaxefachkräfte und betreuen rund 800.000 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 16 Jahren.

Das bedeutet, dass die Prophylaxehelfer und -helferinnen in rund. 7.000 Kindergärten und -tagesstätten und in 4.100 Schulen den fachgerechten Umgang mit Zahnbürste und Zahnseide gezeigt und geübt haben, Ernährungsberatung über zahngesunde Kost durchgeführt und sich für Zahnschmelzhärtung durch Fluoride eingesetzt haben. Hinzu kommen noch spezielle Programme für Kinderkrippen und Behinderteneinrichtungen, die ein Extra-Augenmerk auf sogenannte Risikokinder richten sowie Vorsorgeuntersuchungen durch Jugend- und Patenzahnärzte in Kindergärten und Schulen.

Dass wir mit diesem Engagement ein Musterhaus gebaut haben, das bundesweit als vorbildlich anerkannt wird, macht uns stolz. Und wir nehmen dies zum Anlass, allen zu danken, die mit zu diesem Bautrupp gehören. Stolz macht uns auch die Tatsache, dass zwei Projekte der Zahngesundheitsvorsorge aus dem Rems-Murr-Kreis und dem Landkreis Tuttlingen den Qualitätsförderpreis Gesundheit Baden-Württemberg 2003 gewonnen haben und die LAGZ mit ihrem Langzeitprojekt zur Zahngesundheitsförderung ebenfalls einen Anerkennungspreis erhielt. Folgende Kriterien wurden dabei besonders lobend hervorgehoben: Die Unterstützung der regionalen Arbeitsgemeinschaften bei der Zielformulierung der Zahngesundheit, die Erarbeitung von Leitfäden für örtliche Kooperationsvereinbarungen der regionalen Arbeitsgemeinschaften sowie der Erfahrungsaustausch, insbesondere mit den regionalen Arbeitsgemeinschaften, und dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg.

Doch da man auch bei einem viel gelobten Häusle, um das einen mancher beneidet, immer etwas umzubauen, zu renovieren und zu modernisieren hat, blicken wir zurück, um aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen: 50 Jahre Zahngesundheitsförderung im Land sind ein guter Grund, in den Archiven zu stöbern - nur um dann festzustellen, dass in den Jahren der Aufbauarbeit niemand einen Grund gesehen hat, die Blaupausen mit den Plänen und die mühsamen Fortschritte und vielleicht auch die Rückschläge zu dokumentieren. Denn mühselig waren die Anfänge ganz bestimmt, dazu braucht man sich nur vor Augen zu halten, wie lange die Anlaufzeit war, um die tragenden Fundamente aufzubauen:

Schon 1913 hat das Reichsversicherungsamt empfohlen, zur Durchführung der Gesundheitsfürsorge Arbeitsgemeinschaften zu bilden - eine im obrigkeitshörigen Kaiserreich nahezu revolutionäre Idee. Die politischen Wirren des ersten Weltkrieges sorgten dann dafür, dass diese Pläne in den Schubladen verschwanden und erst 1922 wieder auftauchten, diesmal als Erlass, der den Landesversicherungsanstalten nahe legte, die örtlichen Einrichtungen für die Jugendzahnpflege mit Zuschüssen zu unterstützen.

Die Begründung hat sofort eingeleuchtet, denn man war der Meinung, "dass eine geordnete Schulzahnpflege zweifellos geeignet ist, die immer höher werdenden Kosten der Zahnbehandlung für Versicherte wesentlich herabzusetzen". Daher war man auch schnell bereit, die bereits existierenden Lokalkomitees mit Mitteln auszustatten, sodass sie ihre Arbeit intensivieren konnten.

Die guten Erfahrungen mit diesen lokal oder regional organisierten Komitees führten nach 1945 zur Gründung von Landes- und Kreisarbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege - 1954 , also genau vor 50 Jahren, auch im neu gegründeten Südweststaat mit dem noch ungewohnten Namen Baden-Württemberg.

Ordentliche Mitglieder im Bauausschuss für das Haus der Prophylaxe waren zunächst Behörden, Körperschaften und Institutionen, darunter das Innen- und Kultusministerium, Städte- und Landkreise, Fürsorgeverbände, Renten- und Krankenversicherungsträger sowie die Ärzte- und Zahnärztekammern des Landes mit ihren Untergliederungen und der Deutsche Ausschuss für Jugendzahnpflege.

Mit Mitteln, die von den Rentenversicherungsträgern zur Verfügung gestellt wurden, ging es dann an die Aufklärungsarbeit zum Thema Zahngesundheit - verbunden mit der Verteilung von Zahnpflegebeuteln an Schulanfänger. Denn in der Zeit, die wir heute Wirtschaftswunder nennen, war eine eigene Zahnbürste für jedes Familienmitglied bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Mit Broschüren und Filmen, die für das Zähneputzen warben und auf die Folgen von ungehemmtem Konsum von Süßigkeiten hinwiesen, begann langsam die Zeit der Prophylaxe. Bis dahin hatte sich die Jugendzahnpflege auf die frühzeitige Entdeckung von Kariesschäden erstreckt, die LAG kümmerte sich vor allem um Reihenuntersuchungen in Kindergärten, da die staatliche Jugendzahnpflege erst mit der Einschulung begann.

Ein Blick in die recht spärliche Bauchronik zeigt, dass auch die heute so wichtige Fluoridierung schon früh im Gespräch war, 1960 beteiligte sich die Stuttgarter Jugendzahnklinik an einem Modellprojekt zur Kariesprophylaxe mit Fluoridtabletten. Außerdem vermerkt die Chronik, dass 1965 eine Aufforderung an Bäcker und andere Gewerbetreibende erging, in den Schulpausen zur "Förderung der Zahngesundheit" auch "Brezeln, Wecken, Knäckebrot und Obst zum Verkauf anzubieten". Wie man sieht, hat man nun auch die Ernährungsberatung und -lenkung als wichtigen Faktor entdeckt und mit dem Gedanken der Prävention von Zahnerkrankungen das Haus der Zahngesundheit zusätzlich gefestigt.

Von da an ging es mit den höchst effektiven, praktischen Maßnahmen rasch voran: Zuschüsse für die Einrichtung von Zahnputzräumen wurden gegeben, eine Anerkennungsvergütung für Prophylaxehilfen bewilligt und vor allem Seminare veranstaltet, die von Zahnmedizinischen Fachhelferinnen der LAGZ geleitet wurden. In diesen Seminaren wurden Erzieherinnen mit dem neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Zahngesundheit, mit Putztechniken und Prophylaxemaßnahmen vertraut gemacht. Ein besonderer Raum im Haus der Prävention ist für die Betreuung von Karies-Risikogruppen reserviert. Schon 1984 wurden die ersten Prophylaxe-Seminare für Behinderten-Einrichtungen durchgeführt. All diese engagiert und von vielen Partnern getragenen Bemühungen führten schließlich dazu, dass Baden-Württemberg im Bundesvergleich die Nummer eins in punkto Zahngesundheit bei Kindern und Jugendlichen ist. Mit dazu beigetragen hat sicher auch das seit 1983 existierende Modell der Patenzahnärzte, die zum Beispiel Kindergartengruppen zum Tag der offenen Tür in ihre Praxis laden. Bei meiner Tätigkeit als Patenzahnarzt fällt mir immer wieder auf, mit welcher spielerischen Selbstverständlichkeit die Dreikäsehochs mit Zahnbürste und Zahnpasta umzugehen und mit welcher liebevollen Fürsorge sie ihr neu erworbenes Wissen sofort an Teddybären und Barbies weitergeben.

Wer mir zu Beginn meines Studiums gesagt hätte, dass in nicht allzu ferner Zeit naturgesunde Zähne bei Kindern die Regel und nicht die Ausnahme sein würden, den hätte ich für einen Illusionisten gehalten. Heute sind wir diesem Ziel des naturgesunden Dauergebisses sehr nahe gekommen, 12-Jährige haben im Landesdurchschnitt weniger als einen kariösen, gefüllten oder fehlenden Zahn. Und auch im europäischen Vergleich braucht sich das Musterländle nicht zu verstecken: Die für die Zahngesundheit engagierten Pädagogen, Krankenkassen, Ministerien, der Öffentliche Gesundheitsdienst, Kinderärzte, Hebammen, Ernährungsfachfrauen und nicht zuletzt wir Zahnärzte haben entscheidend dazu beigetragen, dass eine spektakuläre Kariesreduktion zustande kommen konnte.
Frau Ministerin Gönner wird auf die neuesten Ergebnisse der landesweiten epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe im einzelnen eingehen. Mir bleibt nur, Ihnen zu versichern, dass wir Prävention auch weiterhin für einen Wert an sich halten, der sich nicht immer in Ersparnissen ausdrücken lässt, sondern in gesteigerter Lebensqualität. Dennoch ist mir eine Zahl noch wichtig: rund 8,50 Euro in den Altersgruppen der 3 bis 16 Jahre haben die gruppenprophylaktischen Maßnahmen im Jahr 2001/2002 gekostet – ein Betrag, der besser nicht angelegt sein könnte. Wir wollen daher den positiven Trend fortsetzen, nebenbei bemerkt ein Erfolg, der in keinem Präventionsbereich unseres Gesundheitswesen so deutlich zutage tritt wie eben bei der Kariesprophylaxe. Dazu können wir uns der neuesten wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisse bedienen und alle Möglichkeiten der Qualitätsförderung und -sicherung ausschöpfen. Dann bleibt unser Haus der Zahngesundheit auch nach 50 Jahren wohlbegründet und wir können mit Robert Hutchings Goddard, einem 1882 geborenen amerikanischen Physiker und Weltraumpionier sagen: Die Träume von gestern sind die Hoffnung von heute und die Realität von morgen.